DAS WIEDERGEFUNDENE WESEN
Es war einmal ein Riese, der lebte auf einer Zauberinsel. Alles war dort möglich, alles konnte er mit Hilfe seines Zauberstabes schaffen und wieder auflösen. Er hatte Freude daran, seine Kräfte in verschiedene Formen fließen zu lassen, ließ die schönsten Blumen erblühen, ließ Bäche durch die Landschaft rieseln, sie zu Seen zusammenfließen, Berge sich erheben und grüne Matten ausbreiten. Er schuf Tiere, die ihn noch lebendiger anschauten als die Blumen aus ihren blühenden Gesichtern.
Aber er wollte noch mehr und erdachte sich Wesen, die noch einen größeren Teil seines kreativen Bewußtseins widerspiegelten. Bald umtanzte ihn eine Schar Elfen im Abendsonnenschein. Er freute sich an der Schönheit, die er erdacht hatte. Noch immer fehlte ihm jemand, der ihm völlig ebenbürtig war, mit dem er die Freuden und die Pracht der Insel voll und ganz teilen konnte. So erdachte er sich einen Sohn, ein Wesen ganz aus seinem Wesen. Er zog mit dem Magnetismus seines Stabes alle Atome an, die seine Vorstellungskraft brauchte, um dieses ebenbürtige Wesen zu schaffen. Nun stand es neben ihm und lächelte ihm zu. Tiefe Liebe schwang zwischen ihnen, spiegelte alle Fähigkeiten wider, die das Leben der Insel möglich machten und das Leben ihres Kosmos. Der Sohn jedoch hatte bald andere Vorstellungen von Schönheit und Wohlbefinden als der Riese. Er wollte hinausziehen an die Enden des Inselreiches, sich überschiffen zu anderen Welten vielleicht. Er erbat vom Vater einen zweiten Zauberstab. Der Vater gab ihn ihm schweren Herzens, denn er wußte, daß er ihn mißbrauchen würde. Er hatte den Sohn jedoch mit ebenbürtiger Kraft und gleichem Willen ausgestattet und mußte es ihm überlassen, wie er sie gebrauchte.
Der Sohn zog hinaus und schuf zu den Blumen die
Insekten, die ihre Schönheit zerstörten, ließ die Tiere gegeneinander kämpfen - nur so zum Spaß, bis sie das Kämpfen nicht mehr lassen konnten, ernährte sich von ihrem Fleisch und nahm ihr rauhgewordenes Wesen auf. Er stieß an die Berge,
dass sie ins Rollen kamen und Fluren und Behausungen der Tiere und Elfen unter sich begruben. Er schüttete mehr Wasser auf die Pflanzen als sie zu ihrem Wachsen brauchten und wurde mit jeder seiner rohen Handlungen und der Entfernung
vom Vaterhaus selbst noch roher. Nach und nach vergaß er den guten Plan des Vaters, vergaß sogar seine hohen Eigenschaften. Oft fiel er in einen Schlaf, aus dem er mit geringeren
Fähigkeiten und weniger Erinnerung aufwachte. Eines Tages, als er wieder mutwillig gegen einen Felsen stieß, brach sein Zauberstab entzwei. Das Wasser schoss heraus und begrub ihn in seinen Fluten. In weiteren Schlafperioden
verlor er die Fähigkeit des aufrechten Gangs, die Fähigkeit an seinen Vater überhaupt zu denken. Er fing zu hüpfen an und nahm die Gestalt eines Frosches an. Die Elfenschar hatte alles miterlebt, für sie waren die Millionen
Jahre, die der Sohn für seinen Verfall brauchte, ständige Gegenwart. Er dauerte sie und sie sahen wie sehr sich auch der Vater kränkte. Immer wieder hatte er versucht, ihm etwas über den Weg zu schicken, das ihn zum Umdenken
bringen würde, doch der Sohn sah es nicht.
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Eine Elfe hatte den Sohn ganz besonders ins Herz geschlossen. Der Vater schickte sie an das Ende der Insel, wo der Sohn an einem Teich quakte. Ganz
in der Nähe würde sie einen Kristall finden, in den er noch einmal die Fähigkeiten des Zauberstabs hineinlegen würde. Ihr reines Wesen, ihre Liebe und der Anblick des klaren Kristalls könnte für den
Frosch eine Chance sein, seine Abstammung zu erkennen. Die Elfe eilte fort, ging durch viele der Situationen selbst nochmal durch, um ihre Liebe und ihr Verstehen zu vereinen und Wege zu finden, dem Frosch die Möglichkeit des Erkennens zu
geben. Fast am Ende des Weges glitzerte es im
Wiesenboden.
Die Elfe bückte sich und sah einen länglichen
David Delamare.
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Kristall. Sie wußte sofort, es konnte nur der sein, von dem der Riese gesprochen hatte. Froh hängte sie sich ihn um den Hals und konnte es nicht lassen hinzufliegen zu dem Teich, den sie in ihrem Geistauge sah und
an dem der Frosch trostlos dahinquakte. Mit all ihrer Liebe nahm sie ihn in ihre Hand, streichelte seinen naßkalten Körper, lächelte ihn zärtlich an und küsste ihn. Dann berührte sie ihn
auf der Stirne mit dem Kristall. Da ging ein Beben durch den Körper des Frosches,
seine kleine Gestalt streckte sich, wurde größer und größer, die
Vorderbeine wurden zu Armen, der Körper nahm aufrechte Haltung an, Wirbelsäule und Kopf umleuchtete ein Strahlen. Prächtige Gewänder legten sich über seinen Körper, deuteten auf königliche Abstammung hin. Die Elfe führte ihn
zum Teich und ließ ihn in sein Spiegelbild schauen. Staunen durchrieselte da den Prinzen und ein erstes Ahnen von seinem wahren Wesen. Die Elfe musste ihm viel erklären, noch war es ein weiter Weg zurück zu
seiner vollen Kraft. Aber aus ihrem strahlenden Wesen erkannte er so sehr den Wert des Guten, dass er nicht rasten wollte, bis er den Weg zurückgelegt hatte, der ihn zu der Fülle ihres und seines Seins bringen würde. Sie lehrte ihn den
Zauberkristall mäßig, weise und liebevoll zu gebrauchen, half ihm, den Weg schneller zurückzulegen, als er ihn hergegangen war. Nach einigen Schlafphasen konnte er sich Fortbewegungsmittel schaffen und schließlich
wieder gedankenschnell von Ort zu Ort reisen. Sein Körper war immer mehr gewachsen, sein Geist begriff immer mehr die Zusammenhänge und den liebevollen Plan der Insel, die er nun mit jedem Schritt hegte und pflegte. Wenn
seine Kräfte nicht reichten, stellte die Elfe ihre zur Verfügung. Er hatte wieder gelernt dankbar und froh zu sein, bis sie eines Tages vor dem Garten des Riesen standen.
Das Tor öffnete sich, zwei Arme streckten sich dem Sohn entgegen, schlossen ihn ein in eine Liebe, die er als sein lange vergessenenes Wesen erkannte, einer Liebe, die alles im Einssein verschwimmen ließ, sie beide, die Elfen, die Tiere, die Pflanzen, die Insel. Und vorübergehend versank alles im Nichts, bis sie gemeinsam und in Harmonie ein neues Universum erdachten.
Mattersburg, 24.1.1994 INGRID MARIA LINHART
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